Wenn von „unsichtbaren“ Herzproblemen bei Frauen die Rede ist, meint das meist Erkrankungen, die echte Durchblutungsstörungen oder Herzschäden verursachen können, aber in Standardtests oft „normal“ wirken – vor allem, weil lange Zeit stark auf große, verengte Herzkranzgefäße (obstruktive KHK) fokussiert wurde. Tatsächlich haben viele Patientinnen mit Angina-Beschwerden keine relevanten Engstellen in der Koronarangiografie: In einem aktuellen Aufruf zur besseren Versorgung wird beschrieben, dass ANOCA (Angina mit nicht-obstruktiven Koronararterien) bei einem großen Anteil der Untersuchten vorkommt – etwa bei 70% der Frauen, die sich wegen entsprechender Symptome einer invasiven Koronarangiografie unterziehen.
INOCA/ANOCA: Angina oder Ischämie ohne „verstopfte“ Gefäße
Hier liegt das Problem häufig in den kleinen Gefäßen (koronare Mikrogefäßdysfunktion, CMD) oder in Gefäßkrämpfen (Koronarspasmus). Das kann typische Brustenge auslösen, aber auch Atemnot, Erschöpfung oder belastungsabhängige Beschwerden – und führt nicht selten zu wiederholten Arztbesuchen, weil der „große“ Befund unauffällig bleibt. Studien betonen, dass INOCA bei Frauen oft mit CMD oder Vasospasmus zusammenhängt und mit Ereignisrisiko, hoher Symptomlast und eingeschränkter Lebensqualität einhergeht.
Weil klassische Diagnostik diese Mechanismen übersehen kann, haben die ESC-Leitlinien 2024 die Rolle einer gezielten Abklärung deutlich gestärkt: Die invasive Koronar-Funktionsdiagnostik (z. B. Messung der Flussreserve, Widerstände, Provokation von Spasmen) wird dort stark empfohlen.
Quelle: Karola G via Pexels | Pexels Photo LicenseMINOCA: „Herzinfarkt“ ohne relevante Engstelle
MINOCA bedeutet: Kriterien eines akuten Myokardinfarkts sind erfüllt, aber es findet sich keine hochgradige Verengung der epikardialen Koronararterien. Das ist keine „harmlose“ Diagnose, sondern eine Arbeitsdiagnose, hinter der sehr unterschiedliche Ursachen stecken können (z. B. kleine Plaquerisse, Spasmen, Mikrogefäßprobleme, Embolien). Deshalb empfehlen Fachbeiträge, MINOCA systematisch weiter aufzuschlüsseln – häufig mit Kardio-MRT und ggf. intrakoronaren Bildgebungen.
SCAD: Spontane Koronararteriendissektion – oft bei jüngeren Frauen
Bei SCAD entsteht ein Einriss bzw. ein Bluterguss in der Gefäßwand, der das Gefäß von innen einengt – ohne klassische Risikofaktoren. In Übersichten wird SCAD als zwar insgesamt seltene Ursache eines ACS beschrieben, aber bei Frauen unter 50 kann es einen sehr großen Anteil der Fälle ausmachen. Besonders relevant ist der Schwangerschaftskontext: SCAD macht laut Analysen über 40% der schwangerschaftsassoziierten Myokardinfarkte aus.
Quelle: Niklas Jeromin via Pexels | Pexels Photo LicenseTakotsubo-Syndrom: „Broken-Heart“-Syndrom
Takotsubo imitiert einen Herzinfarkt (Brustschmerz, Atemnot, Troponin/ECG-Veränderungen), aber ohne typische Koronarblockade. Es betrifft überwiegend Frauen; Schätzungen liegen bei 2–3% aller ACS-Verdachtsfälle und 5–6% bei Frauen mit ACS-ähnlicher Präsentation.
Fazit
Warum „unsichtbar“? Weil „keine Engstelle“ zu oft als „kein Herzproblem“ interpretiert wurde. Moderne Leitlinien und Forschung betonen dagegen: Funktion (Mikrogefäße/Spasmen) und Sonderursachen (MINOCA/SCAD/Takotsubo) sind entscheidend – und brauchen gezielte Diagnostik.
Wenn akute Brustschmerzen, starke Atemnot, Kollaps oder kalter Schweiß auftreten: das ist immer ein Notfall – unabhängig vom Geschlecht.
Infos zu medizinischen Check-Ups für Frauen gibt’s hier.


